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Elke Krasny

Chinese Window von Silvia Grossmann

Mit der Kamera in der Hand erforscht Silvia Grossmann ihre Umgebung. Dieses Umgehen mit dem Umgebenden, das sie in ihrer vertrauten Wiener Umgebung praktiziert, auf die sie auch nach über zwanzig Jahren noch den forschenden und neugierigen Blick der von Anderswo kommenden – sie ist in der Schweiz aufgewachsen – richtet, nimmt sie überall hin mit. 2007 hatte Grossmann ein zweimonatiges Arbeitsstipendium in der südlich von Shanghai gelegenen Hafenstadt Ningbo. Wie kaum eine andere Gegend der Welt, ist China in einer Rasanz globalisierter städtebaulicher Veränderung begriffen. Ohne je modern gewesen zu sein, hat der Städtebau in China den Fuß auf dem Gaspedal und rast Richtung Hypermoderne. Im Jahr 2020 wird die Urbanisierungsrate, so eine Prognose des Wissenschaftsrates der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, zwischen 50 und 55 Prozent liegen. Geld und Menschen strömen in die Städte Chinas. Grossmann glaubt, dass sich in der Architektur die Mentalität der Bewohner und Bewohnerinnen einer Stadt zeigen. Wiener Fassaden liest Grossmann als Schutzschilder, als beeindruckende, als reiche Hausgesichter, auch wenn sich dahinter ein ganz anderes Gesicht zeigen könnte. Geschult im Lesen der Fassaden, liest Grossmann auch in China die Stadtraumverhältnisse zwischen Innen und Außen. Das Atelier des Ningbo Museum of Art liegt direkt am Bund des Flusses Yong. Aus dem Begriff Bund, auch Shanghai ist für seinen Bund berühmt, spricht die koloniale Geschichte, der anglo-indische Ausdruck heißt Kaimauer. Von Wang Shu und Lu Wenyu, die gemeinsam in Hangzhou ihre Architekturpraxis Amateur Architecture Studio betreiben, stammt der 2005 aus einem Wettbewerb als Sieger hervorgegangene Entwurf für das Museum. Ursprünglich das Gebäude der Hafenkontrollstelle, wurde für das Museum der Turm beibehalten. Spektakulär ist der Ausblick auf das rege Geschehen auf dem Fluß. Ningbo ist eine traditionelle Stahlstadt. Und der Blick aus dem Fenster lieferte Grossmann ihr zentrales Untersuchungsmotiv für ihren Arbeitsaufenthalt in China. Sie untersuchte Fenster, öffnete Fenster, im übertragenen Sinn, und, wie auch in vielen anderen ihrer Arbeiten, stellte sie mittels Montage ihr Bild von Welt her. Ganz im Sinne Gottfried Sempers spricht Grossmann davon, dass die Architektur die dritte Haut der Menschen zu sein scheint – die erste Haut, die die unsere Nacktheit konstituiert, die zweite Haut, die die erste den Blicken entzieht und sich als kleidende Schicht darüberlegt und die dritte Haut, die gebaute, mit der die Menschen die Oberfläche der Welt bekleiden. So wie Grossmann sich auch in Wien für Sequenzen, Rhythmen oder wiederholte Ornamentiken begeistern kann, wie sie ihren chinesischen ZuhörerInnen beim Werkvortrag in Ningbo erzählt, richtet sich auch in China ihr Blick auf Serielles und Rhythmisiertes in den Oberflächen. Die Auseinandersetzung mit der traditionellen und der zeitgenössischen Architektur(Produktion) Chinas beschäftigen motivisch ihre Chinese Windows. Sie werden durchschaubar, undurchschaubar. Der Maßstab des Umbaus ist für europäische Augen ungeheuer. Ob Ningbo, die Architekturgalerie Aedes zeigte 2003 eine Ausstellung über »Ningbo – Metamorphosis of a Chinese City«, ob die unheimlich beeindruckende Geschwindigkeit des Urbanismus, archplus widmete 2004 eine Ausgabe dem Chinesischen Hochgeschwindigkeitsurbanismus, ob andere Formen des Urbanismus, auch für »Mutations« den Atlas neuer urbanistischer Formen, den Rem Koolhas in Zusammenarbeit mit dem Harvard Design School's Project on the City entwickelte, wurde man bereits 2001 in China mehr als fündig. »In China wechseln die Epochen alle zwei Jahre. Es ist der Durchlauferhitzer der Weltarchitektur«, so Dietmar Steiner anlässlich der von Johannes Porsch kuratierten Ausstellung »China Produktion« im Architekturzentrum Wien, das das China Phänomen als mediales Bilderrauschen untersuchte. (http://www.artmagazine.cc/ Isabella Marboe über die Ausstellung China Produktion) Doch selbstverständlich wird das China-Phänomen nicht nur aus europäischer Perspektive untersucht. ForscherInnen und JournalistInnen in Hong Kong, Singapore, Australien oder eben auch China selbst beginnen sich mit der rasanten Architekturproduktion Chinas auseinanderzusetzen. Mitten im galoppierend bauenden Phänomenbestand gibt es Reflexionsinseln des Nachdenkens über den eigenen Turbospeedzustand. »In response to China’s dramatic developmental demands, architects and planners globally have recently been grappling with new ways to understand the practice and production of architecture in this “new frontier”. (…) The most glaring of these difficult questions is the lack of a cohesive architectural language that can be considered both culturally rooted in and at the same time sharing a universal sense of purpose. Architecture in today’s China not only lacks an identity to claim, but also lacks a Manifesto.« (Lyndon Neri,Rossana Hu (NDDRO and Design Republic Shanghai) in: Persistence of Vision Shanghai Architects in Dialogue, MCCM creations Hong Kong 2007, S. 24) Die Rasanz der Transformation, die verschwindenden Nischen des Traditionellen, die Höhenentwicklung der Architektur, führten Grossmann dazu, ihr Chinafenster aufzunehmen. »Chinese Window« lässt sich auf vielen Ebenen als inhaltliche und formale Leitfigur ihrer fotografischen Montagen in Ningbo, Shanghai wie Putong und Beijing deuten. Sie setzt Architektur in China auseinander. Ihre Aufnahmen wurde zu transparenten, fein konstruierten Objekten, sie sind hintereinandergeschichtete, auf unterschiedlichen Trägermaterialien ausgedruckte Fotografien. Das Fenster ist ein überzeugender Schnittpunkt für den Wechsel zwischen Einblick und Ausblick, für die Überlagerung von Motivsituationen in Schichten. Und auch architektonisch ist es das Fenster, das in der Architekturproduktion in China eine Rolle des Cross-Cultural spielt. Im späten 19. Jahrhundert wurde mit dem Kopieren europäischer Architekturstile begonnen. Moderne Gebäude der Sowjetunion waren in den späten 1950ern leitmotivisch prägend, wie bei der »Great Hall of the People« am westlichen Rand des Tiananmen Square. Und dann sind es die Details um die Fensterrahmen oder die Türen, in denen sich traditionelle chinesische Architektur zum Zitat gewandelt zeigt. Grossmann öffnet Fenster als architektonische und kulturelle Schichten. »Fenster sind Löcher. (…) Fenster sind Zeitlöcher. (…) Fenster sind Luftlöcher. (…) Fenster sind patriarchale Begehrenslöcher.« (Büro für kognitiven Urbanismus: Prospekt, Verlag der Buchhandlung Walther König Köln 2003, S. 125) Silvia Grossmann füllt die Löcher mit Bedeutungen. Sie schichtet ihre Stadtwahrnehmungen als Fenster durch Zeit, Raum und Kulturen und übersetzt das Fenster-Schauen in Motive des einblickenden Ausblicks und des ausblickenden Einblicks. Es ist die Bildhauerin in ihr, die die Fläche des Fensters in den Raum des Fensters verwandelt. Sie ist fasziniert vom Dazwischen, zwischen den Mauern, zwischen den Reflexionen, zwischen den Schatten. Dieses Dazwischen fängt sie ein, in der Denkfigur und den Fensterblicken, die für die BetrachterInnen subjektive Fenster in ihr, in Grossmanns, China aufmachen. Silvia Grossmanns Ziel ist es, unsere normalen Sichtweisen auf die Dinge zu verwirren. Die Verwirrung anzunehmen, das liegt bei den anderen, bei uns, den BetrachterInnen, in China wie hier.

 

Elke Krasny

 

 

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